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theater-51grad: BLUR ™1.6]DELTAx_PHYSIK und ™2.6]Paralyzed_PSYCHOLOGIE

"Schauspielerisch ist die halbstündige Meditation über Heisenbergs Thesen eine Ein-Mann-Show, bei der Schauspieler Fabian Ringel eine atemlose Tour de Force unter Hochdruck liefern muss. Unterstützung erfährt er dabei von der gleichsam herausfordernden Videoinstallation von Jens Standke. So nehmen die Besucher des Abends auf Sitzsäcken Platz, in die sie sich fallen lassen und ihren Blick auf die mit halbtransparenter Leinwand bespannte Decke richten können, auf der die physikalischen Ausführungen mit abstrakten Bildfolgen illustriert werden. Angetrieben von pulsierend-minimalistischem Elektroscore formen und verdichten sich dort als weiße Punkte dargestellte Teilchen und Elektronen zu immer neuen Formationen. Auch wenn Physiklaien danach nicht unbedingt erhellt mitsprechen können, wenn das nächste Mal von Heisenbergs Unschärfe oder Schrödingers Katze gesprochen wird, bleibt doch eine Ahnung, dass die sogenannte Realität vielleicht nicht so konkret und faktisch ist, wie sie eben noch schien. Ist die Wahrnehmung etwa nur der Versuch des Menschen, Muster herzustellen und Sinn zu stiften, um sich vor der Aussicht unzusammenhängenden Chaos' abzulenken?

Etwas konkreter widmete sich der zweite Teil des Abends, die musikalische Performance „Paralyzed_PSYCHOLOGIE“, einem Ereignis jüngerer Vergangenheit, das Paulo Álvares am Flügel interpretiert. So stand hier ein Übergriff privater Security-Kräfte der Fluglinie United Airlines im Mittelpunkt, die im April diesen Jahres einen Fluggast mit brutalen Methoden aus einem aufgrund eigener Fehler überbelegten Flugzeugs beförderten. … Smartphones wurden gezückt und fingen den Übergriff aus mehreren Winkeln ein. Die Ereignisse weniger Sekunden wurden zu mehreren Minuten an Bildmaterial, die den Gewaltakt aus verschiedenen Winkeln und mit jedem Bildausschnitt andere Einblicke zeigten und die nun gleichsam auf die Leinwand projiziert werden. Nur eines war in keinem der unterschiedlichen Aufnahmen zu sehen: Zivilcourage von Seiten der anderen Passagiere, die es unterließen, das offensichtliche Unrecht zu verhindern. Die Töne, die der Komponist Sergej Maingardt für den Übergriff findet, sind dem Anlass entsprechend rabiat, atonal und gleichen ihrerseits einem enervierenden Gewaltakt in musikalischer Form. Hier wird das Hören zu einem ähnlich aufwühlenden Prozess wie die immer wiederkehrenden Bilder des Vorfalls selbst, dessen Aufzeichnungen über das Video-Firmament flimmerten. So steht nicht nur die Frage nach vermeintlicher „Realität“ im Zentrum des Abends, sondern auch die Frage, ob die Abwesenheit klarer Trennlinien von wahr und unwahr auch eine Abwesenheit moralischer Prinzipien bedeuten muss." (Robert Cherkowski in Choices 11/17)

Eine Aufführung im Rahmen des KUNSTSALON-Theaterpreis-Festival.

Miniatur 1: ™1.6]DELTAx_PHYSIK: Komposition/Elektronik/Musik: Sergej Maingardt / Videokunst: Jens Standke / Textfassung und Dramaturgie: Rosi Ulrich / Inszenierung: Andrea Bleikamp / Kostüm: Claus Stump / Schauspiel: Fabian Ringel / Stimme: Oliver Schnelker, Karin Kettling / Technik: Jens Kuklik / Produktionsleitung: Hannah Greve / Kommunikation: neurohr & andrä GbR. // Miniatur 2: ™2.6]Paralyzed_PSYCHOLOGIE: Komposition/Elektronik: Sergej Maingardt / Musik: Paulo Àlvares (Flügel) / Videokunst: Jens Standke / Textbearbeitung und Dramaturgie: Rosi Ulrich / Inszenierung: Andrea Bleikamp / Kostüm: Claus Stump / Schauspiel: Fabian Ringel / Stimme: Oliver Schnelker / Technik: Jens Kuklik / Produktionsleitung: Hannah Greve / Kommunikation: neurohr & andrä GbR. Nach einem Essay von Dipl.-Psych. Karin Duda-Kirchhof und Dipl.-Psych. Dr. Oliver Kirchhof